von Dr. Heiko von der Gracht
Head of Center for Futures Studies in Logistics & SCM
Supply Management Institute (SMI)
(via www.supplyinstitute.org)
- Wohin der Rasen muss, ist klar – doch woher kommt er?
- Eine Wissenschaft für sich
- Logistik in der Fußballnische
Dass der EM-Rasen nicht in den Stadien wächst, ist allgemein bekannt. Der Rollrasen hat, wie sein Name suggeriert, sozusagen Räder. Er wächst 13 Monate lang auf speziellen Feldern, wird dann „geerntet“, also vom Boden geschält, auf Hülsen gewickelt, in Folie verpackt und per Spezialtransport direkt ins Stadion gefahren, wo er in nur zwei Tagen ausgerollt und spielbereit gemacht wird.
Rasende Rasenspediteure
Es sind Logistikspezialisten, die den Rasen zum Fußball bringen. Traditionell ist das ein Mittelstandsgeschäft: Während die Global Player die Strategie „Alles aus einer Hand“ fahren, spezialisieren sich die kleinen und mittleren Unternehmen auf Nischen wie die Rasenlogistik, die sie perfekt beherrschen. Spezialisten wie der Spediteur Schuldes, der mit 40 Mitarbeitern und zwanzig 40-Tonnern in ganz Europa unterwegs ist, um die kostbare Fracht bei Großveranstaltungen im Stundentakt abzuliefern: Aufladen, Transportieren, Abladen – und retours. Was bei diesen Spezialtransporten schief gehen kann, dass Millionensummen und sogar Drohbriefe an einem trivialen Stück Rasen hängen, das illustrieren die großen Rasendebakel der Fußballgeschichte (s.u. “Das Trauma von Mexico City”).
Extreme Prozesssicherheit
Wenn einer der Fußball-Heroen beim kritischen Elfmeter wegknickt und die Kugel in die Wolken donnert, dann ist ausnahmsweise nicht der Schiri, sondern – siehe Beckhams legendäre Elfer-Fahrkarte – natürlich der Rasen schuld. Eben weil das im verrückten Fußballgeschäft so ist, hat sich das Rasenkompetenz-Team der letzten WM zum Beispiel mit einer Summe versichert, die zwar ebenfalls geheimgehalten, aber in Versicherungskreisen als „ausgesprochen komfortabel“ bezeichnet wird: Beim Rasen hört der Spaß auf. Weil das so ist, wird von den beteiligten Logistikern eine extreme Prozesssicherheit und Schnelligkeit verlangt – und jede Menge Eventualstrategien in der Schublade. Denn im Ernstfall müssen komplette Rasenpartien in Windeseile ausgewechselt werden. Die Logistiker schützen ihre Prozesse mit dicken Protokollen und Dokumentationen. Die wenigen Rasenzüchter dieses Planeten arbeiten seit Jahren mit ihren Hausspediteuren zusammen. Sie verlangen von ihren Dienstleistern einen hohen Care Faktor: Sie wollen sich bestens aufgehoben fühlen.
Pflegelogistik
Dass Logistik schon lange nicht mehr nur Transport, sondern Versorgung bedeutet, zeigt sich an der Pflegelogistik: So ein meisterschaftlicher Rasen wird alle zwei Tage gemäht, pro Woche ein- bis zweimal mit großen Vakuum-Bürstensaugern abgesaugt, jede Woche mehrmals gestriegelt und regelmäßig mit der Stollenwalze bearbeitet, alle vier Wochen gedüngt. Das ist alles kein Geheimnis. Ein absolut perfekt gehütetes Geheimnis ist dagegen, wo die Spezialtransporte den berühmten Rasen aufladen: Die Standorte der Aufzuchtfelder werden mit einer an Paranoia grenzenden Akribie streng geheim gehalten. So verrückt sich manche Fußballfans gebärden, wäre die Gefahr von Sabotageakten einfach zu groß.
Das Trauma von Mexico City
| Der Tag |
29.6.1986 |
| Der Anlass |
WM-Endspiel Argentinien – Deutschland (3:2). |
| Der Austragungsort |
Acteca-Stadion, Mexico City |
| Die Rasensituation |
In einem Wort: desolat. |
| Der Befund |
Trotz aufopferungsvoller Arbeit des Head Greenkeepers und seiner Helfertruppe klaffen große braune Flächen verdorrten Rasens auf der Spielfläche. |
| Die Reparatur |
In ihrer Verzweiflung pinseln die Helfer die braunen Halme mit grüner Farbe an. |
| Die Folgen |
Vielleicht hätte ein Schild „Frisch gestrichen“ geholfen. Da die Farbe nicht vollständig abgetrocknet war, färbte sie auf den Ball ab, der deshalb alle paar Minuten ausgewechselt werden musste. Eine einmalige Aktion in der WM-Historie. |
| Die Analyse |
Logistik heißt Versorgung. Bricht die Pflegelogistik des Rasens zusammen, sind die Folgen für internationale Sportgroßevents nahezu unabsehbar. |
Gefährliches Pflaster Rasen
Der deutsche Landschaftsarchitekt Ernst vom Vorstand der Deutschen Rasengesellschaft erhielt für seine Arbeit bereits viel Anerkennung – und Drohbriefe. Einen, an den er sich mit besonderem Schaudern erinnert, drohte ihm eine Millionenklage an, „falls die Arminia Bielefeld nicht aufsteigt!“ Wie das? Der Torwart der Arminia war bei einem Punktspiel auf winterlichem Rasen ausgerutscht und ließ einen haltbaren Schuss ins Tor. Der erboste Fan und Drohbriefschreiber machte dafür den Rasenexperten verantwortlich – und drohte mit Regress.