Werftlogistik – Größer geht’s nicht!
15. Juni 2011 von
Daniel Pulko
Größer als ein Haus, länger als drei Fußballfelder: Der Bau von Superschiffen ist eine logistische Herausforderung. In der optimierten Werftlogistik liegt der Schlüssel zur ökonomischen Schwimmfähigkeit von Projekten dieser Dimension.
Sie war als Superschiff ihres Jahrhunderts geplant: Mit sagenhaften 64 Kanonen auf zwei Geschützdecks sollte die „Wasa“ während des Dreißigjährigen Krieges den Großmachtambitionen von König Gustav Adolf von Schweden Nachdruck verleihen. Es wurde nichts daraus. Die „Wasa“ sah nie ein Seegefecht. Sie sank am 10. August 1628 schon wenige Minuten nach ihrem Stapellauf vor den Augen Tausender Zuschauer und der versammelten Militärattachés Europas: Stapelläufe waren früher eine riskante Angelegenheit. Das sind sie auch heute noch.

Andere Risiken
Heute ist es genau so peinlich wie damals, wenn nach mehrjähriger Bauzeit ein Stapellauf misslingt. Deshalb werden Schiffe in modernen Werften im Trockendock gebaut: Sobald der Rumpf geschweißt ist, können das Dock teilweise geflutet und Dichtigkeits- und Neigungs- tests durchgeführt werden. Überhaupt nehmen Tests heutzutage eine zentrale Stellung beim Bau von Schiffen und vor allem bei der Werftlogistik ein: Noch bevor das erste Bauteil geliefert ist, wird das Schiff in einem Testlauf komplett virtuell zusammengebaut. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Logistik: Sämtliche logistischen Abläufe von der Anlieferung der Schiffsturbinen bis zur kleinsten Schraube werden am Computer durchgespielt.
PC baut Schiff
Man sollte annehmen, dass es beim Bau so riesiger Transportmittel wie Supertankern oder Superfrachtern
(s. „Schwimmende Fußballfelder in Zahlen, Daten, Fakten“) egal ist, wo der Bau begonnen wird. Vom Kiel zum Oberdeck, vom Bug zum Heck oder jeweils umgekehrt – ist doch nicht so wichtig! Das Gegenteil ist der Fall: Stimmt die Reihenfolge nicht bis in den kleinsten Bauabschnitt, müssen für die Intralogistik, also für den Antransport von Bauteilen, bereits eingebaute Teile wieder ausgebaut, abgeschraubt oder schlimmstenfalls gar herausgeschweißt werden. Deshalb wird zuerst die komplette Intralogistik am PC simuliert. Und das unter verschiedensten Szenarien wie zum Beispiel Ausfall oder Verzögerung von Lieferungen. Zu Zeiten König Gustav Adolfs brachten offene Geschützpforten ein Schiff zum Sinken. Heute ist die Logistik der Schlüssel zur ökonomischen Schwimmfähigkeit von Schiffsbauprojekten.
Auf See überleben
Wie schnell eine Werft einen Auftrag abwickeln kann, bestimmt ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmeeren. Doch wie kosteneffizient sie das kann, bestimmt ihren wirtschaftlichen Erfolg. Umso erstaunlicher ist, dass selbst heute noch riesige Kostensenkungspotenziale brachliegen: Die Tätigkeitsprofile von Werftarbeitern zeigen, dass deren Produktivität teilweise bei nur 50 Prozent liegt! Weil sie schlecht ausgebildet sind? Ganz im Gegenteil! Weil der Management-Fokus bislang hauptsächlich auf der Rationalisierung wertschöpfender Tätigkeiten lag. Nicht auf der Logistik. Das rächt sich.
Das Geheimnis der Werftlogistik
Werftarbeiter verlieren die Hälfte ihrer Produktivität eben nicht bei der Wertschöpfung, sondern bei der Logistik, für die sie nie ausgebildet wurden: beim Transport von Teilen, bei der Gehzeit zu fernab zwischengelagerten Teilen, auf der Suche nach Bauteilen oder bei der provisorischen Koordination der Intralogistik. Werften, die nicht nur eine Optimierung der Transportkosten, sondern eine ganzheitliche Optimierung der kompletten Logistik vom Systemlieferanten über das Werftzwischenlager bis zur Einbaustelle auf dem Schiff betreiben, erzielen daher enorme Einsparungen (s. „Lass das den Logistiker machen!“). Wie immer, wenn die Logistik nicht isoliert, sondern integriert betrachtet und gemanagt wird.
Geschrieben in Allgemein |
Kommentare deaktiviert