Katastrophenhilfe – Logistik rettet Leben

9. November 2011 von Daniel Pulko

Wir leben im Zeitalter der großen Katastrophen: Tsunamis, Erdbeben, Hungersnöte, Bürgerkrieg und Reaktorunfälle. Mittendrin ein unerwarteter Retter: die Logistik. Doch mangels Koordination, Kooperation, Kommunikation und Integration stocken Hilfslieferungen oft unnötig lange.

Erdbeben? Tsunami? Zehntausende in Not? Kein Problem, die Katastrophenlogistik hilft. Sie gibt den Hungrigen Nahrung und den Obdachlosen Schutz. Schnell, unbürokratisch und umfassend. Tatsächlich? Schön wär’s ja. Doch in der Realität steckt die Logistik gegen die Not selber in Not.

Hektik auf Haiti

Im letzten Jahr zerstörte ein schweres Erdbeben große Teile der Insel. Die darauf einsetzende Hilfsbereitschaft war überwältigend. Aus aller Welt brachten Flugzeuge Hilfsgüter. Einziges Problem: Sie konnten nicht landen. Nicht weil das Erdbeben alle Flugplätze zerstört hätte. Sondern weil Logistiker des US-Militärs aus Furcht vor Terror-Anschlägen anfliegende europäische Flugzeuge von THW oder Rotem Kreuz zurückwinkten: „Keine Landefreigabe! Wir können Sie nicht zweifelsfrei identifizieren.“

Was läuft hier schief?

Die Flugzeuge mussten auf entlegene Flugplätze ausweichen. Die Auslieferung der dringend benötigten Hilfsmittel verzögerte sich wegen der zerstörten Infrastruktur (s. „Hilfe in der Not: Zahlen, Daten, Fakten“). Für Haiti und andere Naturkatastrophen untersucht seit 2010 der Arbeitskreis „Humanitäre Logistik“ der BVL und der TU Berlin allfällige Engpässe bei Hilfsorganisationen. Das betrifft nicht nur Haiti.

Engpass Integration

Eigentlich ein unfassbarer Zustand: Die Hilfsgüter und Medikamente sind im Überfluss vorhanden, die Transportmittel ebenfalls, oft sind die Paletten mit den Hilfsgütern sogar bereits in den betroffenen Ländern angelandet – aber sie liegen dort und schaffen nicht die berühmte letzte Meile zu den Notleidenden. Nicht weil es an Penicillin, Zelten, Wasser oder Milchpulver fehlen würde. Es mangelt an etwas völlig Abstraktem: Kommunikation, Koordination, Kooperation und Integration. Und nicht nur in der Dritten Welt! Sogar Deutschland, der Logistik-Champion, war vor zwei Jahren in diesem Sinne logistisches Notstandsgebiet: Es grassierte die Schweinegrippe und Impfdosen kamen nicht bei den Arztpraxen an (s. „Logistik versagt: Deutschland stirbt aus.“). Wie lassen sich diese rätselhaften Versorgungspannen vermeiden?

Koordinieren statt Transportieren

Zum einen stimmen die logistischen Verhältnisse noch nicht: Für jeden LKW-Fahrer, jeden Mehlsäcke verteilenden Helfer auf der Ladefläche im Brennpunkt des Geschehens wären eigentlich drei bis manchmal sieben Supply Chain Manager „in der Etappe“ nötig, die den Informationsfluss zwischen den einzelnen Hilfsorganisationen, NGOs, Streitkräften, Regierungsvertretern und Behörden koordinieren, lange schon vor der nächsten Katastrophe allfällige Szenarien in Kooperation mit diesen Partnerorganisationen durchspielen und alle Partner besser in die übergreifende Supply Chain integrieren. Zum anderen benötigt es überhaupt erst einmal Menschen, die dazu fähig sind.

Zu allem fähig

Die Hilfsgüter sind längst en masse vorhanden, die Menschen dafür noch nicht in ausreichender Zahl. Die zunehmenden Katastrophen unserer Zeit verlangen nicht nach noch mehr wohlmeinenden Helfern, sondern nach Supply Chain Managern, die zum Beispiel schon in den ersten Tagen einer Katastrophe den improvisierten Tourenplan der im Einsatz befindlichen LKW so optimieren können, dass die Gesamtzahl der gefahrenen Kilometer halbiert und damit die Zeit bis zum Eintreffen der Hilfslieferungen an den jeweiligen Ausgabestellen verkürzt wird – was Leben rettet. Kurz gesagt: Es ist nicht die Logistik, die Menschenleben rettet. Es ist der qualifizierte Disaster Relief Chain Manager, der Supply Chain Manager für den Katastrophenfall.

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